Nippes in der NS-Zeit

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Die Geschichte von Nippes in der NS-Zeit unterscheidet sich nur wenig von der anderer Kölner Vororte.


Inhaltsverzeichnis

Wahlen in den 30er Jahren

Bei den Wahlen bis Ende 1932 weisen die Wahlergebnisse von Nippes, verglichen mit denen von Köln insgesamt, kleine, aber konstante Unterschiede auf: Die NSDAP und das Zentrum erzielen in Nippes leicht höhere Prozentwerte als in Gesamt-Köln, die SPD und die KPD schneiden dagegen etwas schlechter ab. Sowohl bei der Reichstagswahl vom 31. Juli als auch bei der vom 6. November 1932 erzielte (in Nippes und in Köln) das Zentrum deutlich mehr Stimmen als die NS-Partei. Bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933, bei der es von Seiten der NS-Organisationen erheblichen politischen und publizistischen Druck gegeben hatte, war dann allerdings die NSDAP nicht nur im Reich, sondern auch in Köln und in Nippes stärkste Partei, aber im Reich kam sie auf 44%, in Köln „nur“ auf 33%, in Nippes auf 36%[1].


Straßennamen in Nippes

Auch in Nippes wurden, wie in anderen Kölner Stadtteilen, Straßen und öffentliche Orte nach "Helden" der NS-Bewegung benannt. Besonders auffällig ist in dieser Hinsicht das "Afrika-Viertel", dessen Straßen 1938 fertiggestellt wurden. Sie wurden 1939 nach Personen benannt, die sich in den deutschen Kolonien in Afrika (vor 1918) teils sehr zweifelhaften Ruhm erworben hatten[2].

Der Erzbergerplatz wurde 1933 wieder umbenannt in Königin-Luise-Platz (so hatte er geheißen bis 1923, war aber dann umbenannt worden). Die NS-Bewegung betrachtete Erzberger als "Verrräter".


NS-Organisationen in Nippes

NS-Ortsgruppe: Organisationsschema

In Köln bildete sich bereits 1922 eine Gruppe der NSDAP, zu der der spätere Gauleiter Josef Grohé gehörte. Ende 1922 wurde die Partei verboten, 1925 wurde sie neu gegründet. Im Rheinland gibt die Partei eine eigene Zeitung heraus, den „Westdeutschen Beobachter“.

Der früheste Beleg für NS-Aktivitäten (Parteimitglieder oder Sympathisanten) in Nippes verweist auf das Jahr 1926; es gab damals in Köln eine Ortsgruppe (OG) mit fünf „Sektionen“. Eine eigene OG wurde in Nippes wohl erst 1932 gegründet. Nach 1933 wuchs die Partei auch in Nippes rapide an, und es wurden drei OGen gebildet: „OG Nippes“, „OG Leipziger Platz“ und „OG Sechzig“. Den Partei-OGen zugeordnet waren Ortsgruppen anderer NS-Organisationen wie „Hitlerjugend“, „BDM“ und „NS-Frauenschaft“. „SA“- und „SS“-OGen konnten sich in Nippes organisatorisch nicht etablieren. Unterhalb der Organisationsebene „Ortsgruppe“ gab es noch „Parteizellen“ und „Parteiblocks“;

Mit Ausbruch des Krieges bekamen die Partei-OGen zusätzliche organisatorische Aufgaben. Das führte unter anderem dazu, dass ihre Zahl vergrößert wurde. Im Jahre 1939 z.B. gab es im Stadtteil Nippes insgesamt zehn NS-OGen; im Jahre 1944 gab es anscheinend nur noch zwei.

Gauleiter Josef Grohé

Josef Grohé hat in der und durch die NS-Partei eine rasante Karriere durchlaufen.

Geboren wurde er am 6. 11. 1902 in Gemünden (Hunsrück), 1919 zieht er um nach Köln. 1922 tritt er der NSDAP bei und ist Mitgründer der Ortsgruppe Köln. Ein Jahr später übernimmt er die Einkaufsabteilung der Nippeser Firma Hönig GmbH. 1924 wird in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in Nippes, Kempener Straße 42, der „Westdeutsche Beobachter“ gegründet. Schon 1926 ist Grohé dann Hauptschriftleiter bei dieser Zeitung und 1929 Mitglied des Kölner Stadtrats. 1931 ernennt ihn Hitler zum Leiter des „Gaus Köln-Aachen“; 1933 wird er preußischer Staatsrat und Mitglied des Reichstags. In Nippes lebt Grohé nur kurze Zeit. 1931 wohnt er im Haus der Geschäftsstelle der NSDAP, Filzengraben 2-4. 1934 zieht er um nach Braunsfeld, nicht viel später in eine Villa in Lindenthal. Nach dem Ausbruch des Krieges steigt er weiter auf: 1942 wird er „Reichskommissar“. In allen seinen Funktionen unterdrückt er politisch Andersdenkende mit harter Hand und sorgt mit Nachdruck für die Deportation von Juden; er hat eine direkte Telefonleitung zum Führerhauptquartier.

Als 1945 die Aliierten an den Rhein heranrücken, befiehlt er die Sprengung der Kölner Brücken, flieht mit einem Motorboot über den Rhein und setzt sich ins Rechtsrheinische ab. Nach Kriegsende flüchtet er unter falschem Namen, wird aber entdeckt und kommt vor Gericht. Verurteilt wird er zu einer Gefängnisstrafe; da ihm aber eine „Internierungszeit“ von vier Jahren und 28 Tagen angerechnet wird, verlässt er den Gerichtssaal als freier Mann. 1987 stirbt er in Köln-Brück.

NS-Terror, Denunziationen und politische Prozesse

Schon kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nahmen gewaltsame Übergriffe von Nationalsozialisten gegen „politische Gegner“ deutlich zu.

  • Beispiel 1: Im Februar 1933 wird in der Xantener Straße nachts ein mutmaßlicher Kommunist aus einer Gruppe von SA-Männern heraus erschossen. Der Schütze wird zwar vor Gericht gestellt, aber es wird Straffreiheit gewährt, weil das Gericht davon ausgeht, dass er „in dem Bestreben gehandelt hat, der nationalen Erhebung zu dienen“.
  • Beispiel 2: Am 24. 2. 1933 werden die SA-Männer Spangenberg und Winterberg von unbekannten Tätern erschossen. Dem daraufhin erfolgten „Rachefeldzug“ fällt unter anderem ein KPD-Mitglied zum Opfer, das gerade in Nippes zu Besuch war. Obwohl der Mann ein Alibi hat und ihm eine Tatbeteiligung nicht nachgewiesen werden kann, wird er zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Im März 1933 werden dann die „Sondergerichtshöfe“ geschaffen, die speziell für „politische Delikte“ zuständig sind und in deren „Rechtssprechung“ immer mehr Fälle geraten. Die Akten dieser Gerichtshöfe sind erhalten, aber nur unzureichend ausgewertet. In den Jahren 1933 bis 1945 waren nach Aktenlage aus Nippes 624 Personen, eine Firma und eine Körperschaft von solchen Ermittlungsverfahren betroffen. Es ging um Anzeigen wegen „kommunistischer Umtriebe“, Verstöße gegen das „Heimtückegesetz“ und (ab 1939) Verstöße gegen Kriegsstrafrechts-Verordnungen. Es ist erkennbar, dass nicht wenige Ermittlungsverfahren durch Denunziationen von Nachbarn, Kollegen oder Verwandten zustande gekommen sind.


Juden in Nippes

Eine jüdische Kultusgemeinde gab es in Nippes nicht. Gläubige jüdische Familien suchten sich eine Wohnung in der Nähe einer Synagoge, also in der Innenstadt oder in Ehrenfeld. Die „Juden“, die in Nippes wohnten, dürften keinen besonderen Bezug zur jüdischen Religion gehabt haben, einige waren auch zu einem der christlichen Bekenntnisse konvertiert. Es gab Geschäfte in Nippes, deren Besitzer jüdischer Herkunft waren; das bekannteste war das Kaufhaus Bluhm in der Neusser Straße (heute: Kaufhof). Für die Bevölkerung spielte aber, nach Aussagen mehrerer Zeitzeugen, die Unterscheidung zwischen „jüdischen“ und „arischen“ Geschäften vor 1938 keine Rolle. In der Reichspogromnacht, der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, wurden jedoch viele „jüdische“ Geschäfte in Nippes verwüstet oder in Brand gesteckt.

Nach 1941 wurden Juden systematisch in bestimmte Häuser, sogenannte „Judenhäuser“, zwangsumgesiedelt. In Nippes dürfte das Haus Auguststraße 14 ein solches „Judenhaus“ gewesen sein. Ab 1941 erfolgten dann systematische Deportationen von Juden in die Vernichtungslager. Insgesamt wurden aus Nippes 109 Personen jüdischer Herkunft deportiert; die meisten von ihnen wurden umgebracht. Vor den Häusern, in denen sie gewohnt haben, erinnern in vielen Fällen Stolpersteine an die Opfer des Terrors.

Einen besonders bemerkenswerten Fall stellt die Geschichte des evangelischen Kirchenmusikers Julio Goslar dar, der als Jude verfolgt wurde. Er überlebte den Holocaust.


Nippeser Kirchengemeinden im Nationalsozialismus

Bei der Nippeser Evangelischen Kirchengemeinde zeigt der „Fall Julio Goslar“ exemplarisch, wie die nationalsozialistische Presse und die „Deutschen Christen“ den Druck auf das Presbyterium so lange erhöhten, bis eine Entscheidung in ihrem Sinne ausfiel.

Die vier katholischen Pfarrgemeinden von Nippes glaubten sich zunächst durch das Reichskonkordat einigermaßen geschützt, sahen sich dann aber zunehmend Schikanen ausgesetzt. Sehr oft ging es da um die (kirchliche) Jugendarbeit. Es gab einzelne Persönlichkeiten aus dem Nippeser Klerus, die einen mutigeren Widerstand gegen das NS-Regime gewagt haben, wie etwa Heinrich Cürten, 1931 bis 1943 Kaplan von St. Bonifatius.

Abituraufgaben am Nippeser Gymnasium, 1932 – 1946

Die Abiturakten des Nippeser Gymnasiums sind nahezu vollständig erhalten. Eine Durchsicht der Themenstellungen und der Schülerarbeiten erwies sich als aufschlussreich. Es lässt sich beobachten, wie traditionell „humanistische“ Wert- und Normvorstellungen von nationalsozialistischer Ideologie verdrängt oder überlagert werden.

Die Aufgaben für das Abitur 1933 unterscheiden sich nicht wesentlich von denen vorheriger Jahrgänge. Die Formulierung der Aufgaben fand ja bereits Ende 1932 statt.

Zum Abitur 1934 gibt es im Fach Deutsch (u.a.) folgende Themen:

  1. Der Spruch „Blick hinter dich! Denn dorther stammt die Kraft, die im Vergangnen wurzelnd das Zukünft’ge schafft.“ soll im Rahmen des nationalsozialistischen Gedankengutes gewürdigt werden.
  2. Mein Held (nach Dichtung oder Sage oder Geschichte)
  3. Einige biologische Grundtatsachen und ihre nationalpolitische Bedeutung

Thema (2) wurde sechs Mal bearbeitet. Folgende „Helden“ wurden von den Abiturienten gewählt: Adolf Hitler (dreimal); Siegfried (als Vorbild für Hitler, einmal); Horst Wessel (einmal); Friedrich Nietzsche (einmal). Bei Thema (3) erscheint erstaunlich, dass es im Fach Deutsch gestellt wird.

Abitur 1935 (Deutsch) u.a.:

  • Welchen Sinn hat das Leistungsabzeichen der HJ?**

Im Fach Deutsch werden zunehmend Gliederungen und Nacherzählungen literarischer Werke verlangt – Analysen oder Interpretationen fehlen ganz oder sind stark gelenkt. Auch in den nichtsprachlichen Fächern wirkt sich die Politik deutlich auf die Aufgabenstellungen aus. So gibt es etwa 1936 im Fach Mathematik Aufgaben, die die Berechnung der Flugbahn eines Artilleriegeschosses oder des Volumens eines Luftschutzraumes fordern.

Ab 1940 gibt es im Fach Deutsch immer mehr „Kriegsthemen“ wie

  • Was berechtigt das deutsche Volk zum Glauben an den Sieg?
  • Der deutsche Rundfunk im gegenwärtigen Kriege

Sogar ein Text von Hitler ist Gegenstand einer Abiturprüfung in Deutsch:

  • Adolf Hitlers Ausführungen über den geschichtlichen Werdegang des deutschen Volkes auf dem Parteitag 1935 sind in eigener Form darzustellen.

Seit dem Abitur 1943 werden die Themen spärlicher. Für 1944 sind nur zwei Themen für Deutsch dokumentiert, für 1945 keine mehr.

Nach Kriegsende werden schon 1946 „Sonderlehrgänge“ für ehemalige Flakhelfer eingerichtet. Diese hatten meist nur eine Versetzung in die Klasse 8, und durch einen „Sonderlehrgang“ konnten sie nachträglich das Abitur erwerben. Ein Deutschthema der Abiturprüfung von 1946 lautet:

  • Können Kunst und Dichtung dem deutschen Volk in seiner heutigen Not helfen?


Zwangsarbeiter

Belegt ist, dass es im Stadtbezirk Nippes mindestens 17 Zwangsarbeiterlager gegeben hat. Die aus ihren Heimatländern deportierten Arbeiter/innen haben bei verschiedenen Betrieben gearbeitet, u.a. auch bei Clouth und beim EAW.


Widerstand

KPD und KPD-nahe Organisationen

Nippes war zwar in den 1930er Jahren nicht gerade eine Hochburg der KPD, aber es gab doch Wohnviertel und Betriebe, in denen die Kommunisten stark waren. Die Gegend um die Xantener Straße wurde auch „Klein-Moskau“ genannt, und in der Reichstagswahl vom 6. 11. 1932 erreichte die KPD im Stadtteil Nippes immerhin 23%. Die KPD-nahe „RGO“ („Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition“) war besonders stark in der Gummifabrik Plaat (Niehler Straße 312), während sie bei Clouth nicht Fuß fassen konnte. Im Reichsbahnausbesserungswerk dagegen war sie im Betriebsrat vertreten.

Anfang 1933 wurde die KPD und die ihr naherstehenden Organisationen zerschlagen. Personen, die als Kommunisten bekannt waren, wurden dann einzeln vor Gericht gestellt, meist wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ oder wegen „Heimtücke“. Insgesamt sind 82 im Stadtteil Nippes wohnende Männer und Frauen im Zusammenhang mit kommunistischen Aktivitäten verhört, inhaftiert oder verurteilt worden. 1933 und 1934 versuchte die Partei, sich in der Illegalität neu zu formieren. In Köln spielte dabei eine Gruppe um den ehemaligen KPD-Reichstagskandidaten Rudolf Safarowsky eine Rolle. Die Gruppe wurde aber bald gesprengt.

Im Herbst 1933 unternahm das NS-Regime auch den entscheidenden Schlag gegen die RGO in der Firma Plaat: Auf die Denunziation eines Belegschaftsmitgliedes hin wurde 32 Arbeiterinnen und Arbeiter (etwa 10% der gesamten Belegschaft) an einem Tage festgenommen. Dennoch wurden in diesem Betrieb und in seiner Umgebung bis Anfang 1935 Klebezettel mit anti-nazistischen Parolen gefunden, was zu neuen Hochverratsprozessen gegen Plaat-Arbeiter führte. Sie endeten mit Zuchthausstrafen.

Nippeser „Edelweißpiraten“

"XP HEIL", an eine Mauer gemalt; 1943

1940, kurz nach Kriegsbeginn, wurde die „Polizeiverordnung zum Schutze der Jugend“ erlassen: Jugendlichen unter 18 Jahren wurde damit verboten, sich nach Einbruch der Dunkelheit auf öffentlichen Orten aufzuhalten. Betroffen sind vor allem parteiferne Jugendgruppen, die sich in Köln seit Herbst 1939 gebildet hatten. Sie werden von staatlicher Seite meist den „Edelweißpiraten“ zugeordnet.

In Nippes treffen sich seit Sommer 1942 Jugendliche auf dem Leipziger Platz und in seiner Umgebung, um ihre Freizeit frei von HJ- und BDM-Reglementierungen zu gestalten. Einige aus dieser Gruppe malen Parolen wie „PX“ oder „Heil Navajo“ nachts an Häuserwände. Im Dezember 1942 findet eine Polizeirazzia gegen diese „Edelweißpiraten“ statt; 15 Jugendliche werden dabei festgenommen und nach Brauweiler verbracht.

Literatur:


  1. Die Stellen hinter dem Komma sind auf- oder abgerundet.
  2. Einige dieser Straßennamen wurden 1990 geändert